Stadt­ent­wick­lung in Hamburg aktiv, kreativ und nach­haltig gestalten — Men­schen ein­be­ziehen — öffent­li­chen Raum erlebbar machen und Auf­ent­halts­qua­lität in unserer Stadt erhöhen    

Nicht erst seit Elb­phil­har­monie und Europa-Passage wird Archi­tektur in Hamburg öffent­lich dis­ku­tiert. Die Umnut­zung his­to­ri­scher Kai­spei­cher, die Sanie­rung von Alt­bau­lasten oder neue Groß­pro­jekte südlich der Elbe: Inzwi­schen beschäf­tigen sich immer größere Kreise mit der Frage, wie die Stadt in Zukunft aus­sehen soll und wie nicht. Dabei geht es nicht nur um Groß­pro­jekte wie aktuell die Hafen­City, sondern auch um viele klei­nere Vor­haben, die letzt­lich in der Summe maß­geb­lich das Bild einer Stadt prägen.

Gleich­wohl ist die Hafen­City das mit Abstand bedeu­tendste Bau­pro­jekt der Gegen­wart in Hamburg. Bereits seit dem Jahr 2000 erleben die Ham­burger einen neuen Stadt­teil im Werden. Die Hafen­City als eine neue City hat den Anspruch mari­times Flair, Arbeiten und Wohnen, Kultur und Frei­zeit, Tou­rismus und Ein­zel­handel mit­ein­ander zu ver­binden. Ein Groß­teil der Hafen­City ist heute bereits fertig gestellt oder kurz vor der Fertigstellung.

Gerade die Archi­tektur und städ­te­bau­liche Struktur der bisher fertig gestellten Abschnitte der Hafen­City hat viel­fäl­tige Kritik aus der Fach­welt, der Politik und vor allem aus der Bevöl­ke­rung erfahren. Der soli­tär­ar­tige Cha­rakter und die man­gelnde Klein­tei­lig­keit der weit über­wie­genden Mehr­zahl der bislang rea­li­sierten Gebäude steht in direktem Kon­trast sowohl zur angren­zenden Spei­cher­stadt, als auch zum Groß­teil der Innen­stadt, deren Bebauung jeweils von urba­neren Block­rand­struk­turen bestimmt wird.

Darüber hinaus wird die Archi­tektur von vielen Men­schen – gerade für ein neues zen­trales Viertel der Stadt – als eher unat­traktiv wahr­ge­nommen. Die Archi­tektur der HafenCity-Bauten wird oft als banal, steril, kalt, aus­tauschbar, modisch statt zeitlos, fan­ta­sielos, farblos und unin­spi­riert beschrieben.

Dort wo der neue Stadt­teil bereits fertig gestellt ist, muss die Kritik so ste­hen­bleiben, gleich ob sie zu Recht oder Unrecht geäu­ßert wird. Anders sieht es bis dato noch im Osten der Hafen­City aus.

Denn in ihrem öst­li­chen Teil ist die Hafen­City noch immer Ent­wick­lungs­ge­biet. Der Mas­ter­plan aus dem Jahr 2000 ist 2010 für die öst­li­chen Quar­tiere zwar längst über­ar­beitet worden. Jedoch ist erst aus jüngsten Pres­se­be­richten der breiten Öffent­lich­keit bekannt geworden, wie der Mas­ter­plan für die öst­liche Hafen­city aus­sieht und vor allem auf welche Weise er schon bald sehr konkret Wirk­lich­keit werden soll.

Dabei stechen beson­ders die Pla­nungen für das Quar­tier Elb­brü­cken ganz im Osten der Hafen­city ins Auge. Denn mit dem Quar­tier Elb­brü­cken soll ein hoch ver­dich­teter Stadt­raum mit meh­reren großen Türmen ent­stehen. Den zen­tralen öffent­li­chen Raum bildet der — namens­gemäß bereits viel­sa­gende — Chicago Square. Das Elb­brü­cken­quar­tier dient mehr­heit­lich für Unter­nehmen, Hotels, Ein­zel­handel und Gas­tro­nomie. In den lärm­ge­schütz­teren Lagen am Baa­ken­hafen, an der Elbe und am Chicago Square könnten nahezu 1000 Woh­nungen gebaut werden.

 

Auch für das noch nicht rea­li­sierte Quar­tier Baa­ken­hafen west­lich des künf­tigen Elb­brü­cken­quar­tiers sind durchweg immerhin fünf– bis sie­ben­ge­schos­sige Gebäude mit über­wie­gend halb­of­fenen Block­struk­turen vor­ge­sehen. Die Bebauung wird hier eben­falls ent­spre­chend dicht.

Ursprüng­lich war hier eine locke­rere und weniger ver­dich­tete Bebauung vor­ge­sehen, wie der ursprüng­liche Mas­ter­plan aus dem Jahre 2000 verrät. Die erheb­liche Nach­frage nach Wohn­raum in Hamburg hat hier zu Plan­än­de­rungen im Sinne von mehr Nach­ver­dich­tung und deut­lich mehr Wohn­ein­heiten geführt.

Wir Neue Libe­rale sehen auch und gerade im Wandel der ver­än­derten Bedarfs­lagen und des Drucks auf dem Ham­burger Woh­nungs­markt die Not­wen­dig­keit aktiv und nach­haltig zu gestalten. Ledig­lich kurz­fris­tigen Zwängen und Bedarfen nach­zu­gehen würde einer modernen Stadt­ent­wick­lungs­po­litik widersprechen.

Hamburg hat von der unmit­tel­baren Nach­kriegs­zeit bis in die jüngste Ver­gan­gen­heit Fra­ge­stel­lungen von aktiver Gestal­tung der Stadt, vor allem auch unter Ein­be­zie­hung der Bevöl­ke­rung, nicht wirk­lich auf­ge­griffen. Statt­dessen hat die Politik eher kurz­fris­tige Not­wen­dig­keiten vor Augen, etwa schnell Wohn­raum zu bauen, oder das Angebot an vor­han­denen Büro­flä­chen zu erwei­tern. Die Auf­gaben, die sich die Stadt­ent­wick­lung selbst aufgab, waren ver­hält­nis­mäßig eng gewählt und führten am Ende zur Ent­ste­hung von Orten wie Steilshoop oder City-Nord. In den Groß­wohn­sied­lungen, die in den Wohn­zonen der Ham­burger Vororte ent­standen sind, will heute kaum jemand mehr wohnen. Stadt­viertel wie Kirchdorf-Süd, Müm­mel­manns­berg oder Steilshoop müssen mit gewal­tigem Aufwand saniert werden, damit sie für die Stadt über­haupt noch brauchbar bleiben.

Beson­ders die Hafen­City hat die Frage auf­ge­worfen, wie urbane Stadt­struk­turen über­haupt geschaffen werden.

Diesen Ansatz wollen wir kon­se­quent weiter ver­folgen. Dabei gilt es, neue und mutige Wege zu beschreiten und vor allem ver­stärkt, in deut­li­cherem Umfang als bisher, eine breite Öffent­lich­keit in die Dis­kus­sion über moderne Stadt­ent­wick­lung und die Archi­tektur bei Neu­bauten in Hamburg einzubeziehen.

Wir Neue Libe­rale wollen:

• Mehr Bür­ger­be­tei­li­gung bei grö­ßeren Bau­vor­haben mit stadt­bild­prä­gender Funk­tion wie u.a. der Hafen­city über die im Bau­ge­setz­buch vor­ge­sehen Mög­lich­keiten hinaus. Die im Rahmen der Stadt­werk­statt Hamburg erfolgten Ansätze der Betei­li­gung und Infor­ma­tion wollen wir wei­ter­ent­wi­ckeln und ausbauen.

 

• Moderne, fach­lich erprobte Formen von Betei­li­gung bei Aus­lo­bungs­ver­fahren und archi­tek­to­ni­schen Wett­be­werben, die den Inter­essen ver­schie­dener Betei­ligter ent­ge­gen­kommen. Für qua­li­tativ bessere Bür­ger­be­tei­li­gung im Rahmen von Aus­lo­bungs­ver­fahren wollen wir für Pla­nungs­wett­be­werbe ein zwei­stu­figes Wett­be­werbs­ver­fahren. In der ersten Stufe werden– gege­be­nen­falls im Rahmen eines sepa­raten Ide­en­wett­be­werbs –die grund­sätz­li­chen Rah­men­be­din­gungen im Hin­blick auf Denk­mal­schutz, städ­te­bau­liche Posi­tio­nie­rung, Kubatur, Baustil und Höhen­ent­wick­lung fest­ge­legt und anschlie­ßend zur Dis­kus­sion gestellt. Hier könnte etwa ein Mei­nungs­bild oder besser eine Abstim­mung durch­ge­führt werden. Das Ergebnis würde dann die Grund­lage für eine zweite Pla­nungs­stufe in Form eines Rea­li­sie­rungs­wett­be­werbs bilden. Auf diese Weise würde das berech­tigte Inter­esse der Öffent­lich­keit an städ­te­bau­li­chen Fragen ebenso sicher­ge­stellt wie die im Ver­ga­be­recht ver­an­kerte Anfor­de­rung, dass bei Aus­lo­bungs­ver­fahren in der über­wie­genden Anzahl Fach­leute über die Qua­lität der Wett­be­werbs­bei­träge ent­scheiden. Im Rahmen von Aus­lo­bungs­ver­fahren und archi­tek­to­ni­schen Wett­be­werben sollten anders als bisher künftig regel­haft Bür­ger­ver­treter in die ent­spre­chenden nicht öffent­lich tagenden Aus­wahl­gre­mien ent­sendet werden.

 

• Eine ver­stärkte Ein­be­zie­hung der Öffent­lich­keit bei den bisher weit­ge­hend auf Fach­leute bezo­genen bezirk­li­chen Woh­nungs­bau­kon­fe­renzen. Hierzu ist eine gezielte Öffent­lich­keits­ar­beit der mit der Durch­füh­rung der Kon­fe­renzen betrauten Ver­wal­tungen erforderlich.

 

• Die überaus domi­nante Stel­lung des Ham­burger Ober­bau­di­rek­tors (OD) durch einen stär­keren Ein­fluss der Ham­bur­ge­rinnen und Ham­burger sowie der Kom­munal– bzw. Bezirks­po­litik bei der Umset­zung von Bau­vor­haben ein­dämmen. Als lei­tender Fach­be­amter gehört der Ober­bau­di­rektor der Behör­den­lei­tung und wird an allen Ent­schei­dungen und bei allen Vor­haben betei­ligt, die für das Stadt­bild und die Stadt­ge­stal­tung eine beson­dere Bedeu­tung haben. Bei städ­te­bau­li­chen Wett­be­werben ist er als stimm­be­rech­tigter Fach­preis­richter regel­haft Mit­glied der ent­spre­chenden Jury. Bei beson­deren Groß­vor­haben, wie derzeit zum Bei­spiel der Hafen­City oder zuvor der Mes­se­er­wei­te­rung, sowie bei der Ent­wick­lung der Innen­stadt hat er über seine beson­dere Koor­di­nie­rungs­funk­tion sowohl recht­lich als auch fak­tisch einen unver­hält­nis­mäßig starken Ein­fluss auf Ham­burgs Bau­po­litik. Eine solche Ein­fluss­nahme des OD ist aus demo­kra­ti­schen Gründen fragwürdig.

 

• All­ge­mein die öffent­liche Debatte in Hamburg über Fragen von Stadt­ent­wick­lung und Archi­tektur bei neuen grö­ßeren Bau­vor­haben fördern. Auf diese Weise könnte ver­mieden werden, dass Mode­er­schei­nungen und Trends in der Archi­tektur die Stadt­ent­wick­lung zu ein­seitig prägen und Fragen wie Auf­ent­halts­qua­lität und Iden­ti­fi­zie­rung der Men­schen mit der Archi­tektur ihrer Stadt nicht oder zu wenig berück­sich­tigt werden.

 

Ham­burgs Hafen­City braucht mehr Fan­tasie, Farbe und Viel­falt, mehr Auf­ent­halts­qua­lität und keine neuen Höhen­re­korde beim Bauen: Wir wollen eine behut­same Ver­wirk­li­chung der bis­he­rigen Pla­nungen für die öst­li­chen Quar­tiere Elb­brü­cken und Baakenhafen.

Kürz­lich gab es den Auftakt für Ham­burgs neues Hoch­haus­viertel. Für den letzten und vom Bau­vo­lumen her größten Abschnitt der Hafen­City, dem Elb­brü­cken­quar­tier, ist bereits das erste Grund­stück ver­geben worden. Direkt vor den Elb­brü­cken soll Pres­se­in­for­ma­tionen zufolge ein Prä­ven­ti­ons­zen­trum der beiden Berufs­ge­nos­sen­schaften BGW und VBG ent­stehen samt Semi­nar­hotel mit 200 Betten. 28.000 Qua­drat­meter Fläche werde das Gebäude über­ir­disch umfassen und bis zu 15.Stockwerke hoch sein. So und ähnlich sind nach den bis­he­rigen Pla­nungen zahl­reiche Hoch­häuser dort vor­ge­sehen. Noch kann dem zumin­dest von Art und Umfang her Einhalt geboten werden.

Ein solches der Öffent­lich­keit kürz­lich prä­sen­tiertes „Klein Man­hattan“ in Hamburg sehen wir Neue Libe­rale kri­tisch. Denn Ausmaß und Höhe der vor­ge­se­henen Bebauung sprengen die bisher in Hamburg vor­han­denen bau­li­chen Dimen­sionen inner­halb kür­zester Zeit. Tat­säch­lich hat es gerade mit Rück­sicht auf Ham­burgs his­to­ri­sche Sil­hou­ette in der Ver­gan­gen­heit stets nur Ein­zel­pro­jekte gegeben, die das Erschei­nungs­bild Ham­burgs bereits von weitem ein­schnei­dend ver­än­dert haben.

Daran wollen wir fest­halten. Es spricht zwar aus unserer Sicht nichts dagegen an aus­ge­wählter Stelle gezielt in die Höhe zu bauen und die Hafen­City nach Osten hin quasi auf­wachsen zulassen. Dies muss jedoch mit Augenmaß und darf nicht mit der Brech­stange geschehen. Die bis­he­rigen Pla­nungen von meh­reren Hoch­häu­sern eng bei­ein­ander und mit Höhen von bis zu 200 Metern sind aus stadt­pla­ne­ri­scher Sicht nicht ver­tretbar. Auf­ent­halts­qua­lität und Klein­klima wäre in einer Hafen­stadt wie Hamburg mit häufig win­digem Wetter erheb­lich gefährdet.

Wol­ken­kratzer haben andere Städte zur Genüge. Hamburg braucht keine massive Ansamm­lung von Gebäuden, deren Höhen­spitzen den 132 Meter hohen Michel oder das 108 Meter hohe Radison Blu Hotel am Dammtor um fast das Dop­pelte überragen.

 

Wir fordern für die Auf­ent­halts­qua­lität und das Erschei­nungs­bild der öst­li­chen Hafen­City auf Bau­höhen von über 150 Meter strikt zu ver­zichten. Gebäude von mehr als 10 Stock­werken müssen die Aus­nahme bleiben. Anders als bisher vor­ge­sehen sind auch im Elb­brü­cken­quar­tier Grün­flä­chen mit hoher Auf­ent­halts­qua­lität her­zu­stellen. Die bis­he­rige Frei­flä­chen­pla­nung ist unzureichend.

Wir Neue Libe­rale wollen eine Archi­tektur, die im Hin­blick auf Farbe, Form und Viel­falt
neue Maß­stäbe setzt und sich von dem bis­he­rigen Erschei­nungs­bild der bereits vor­han­denen Quar­tierte der Hafen­City fan­ta­sie­voll, unver­wech­selbar und für Hamburg iden­ti­täts­stif­tend abhebt. Dazu bedarf es zahl­rei­cher archi­tek­to­ni­scher Wett­be­werbe, an der Ham­burgs Öffent­lich­keit in geeig­neter Weise breit zu betei­ligen ist. Nur so wird es gelingen, einen Stadt­teil zu gestalten, mit dem sich die Ham­bur­ge­rinnen und Ham­burger identifizieren.